Für die Grabeskirche gilt im Kleinen dasselbe wie für Jerusalem überhaupt: hier
überschneiden sich die verschiedensten Zeiten und Welten, und auf den ersten Blick
wirkt alles erst einmal verwirrend und undurchschaubar.
Drei christliche Konfessionen, Katholiken, Griechisch-Orthodoxe und Armenier,
sind gemeinsam Besitzer der Grabeskirche; drei weiteren, Syrern, Äthiopiern und
Kopten, gehören Kapellen und einzelne Bereiche in und an der Kirche. Das nicht immer
reibungslose Nebeneinander der verschiedenen Kirchen wirkt allzuoft kurios und
unverständlich - so wird zum Beispiel, um Streitereien zu vermeiden, der Schlüssel
zum bisher einzigen Eingang der Grabeskirche seit Jahrhunderten von zwei
muslimischen Familien verwaltet. Renovierungen in Bereichen, die nicht eindeutig
zugeordnet sind, sind problematisch - denn "Zuständigkeit" und
"Besitzanspruch" sind eng verbunden. So steht an einem Fenster außen über
dem Eingang eine hölzerne Leiter, die schon auf einer
Zeichnung von 1842 zu sehen ist: als dort der Stein bröckelte, stellten
griechisch-orthodoxe Mönche diese Leiter auf, um nach dem Rechten zu sehen -
woraufhin die anderen Konfessionen protestierten, die Griechen seien nicht zuständig.
Zum Zeichen ihres Anspruchs ließen die Griechen die Leiter stehen, und so steht sie
bis heute da - denn natürlich darf kein anderer wagen, sie wegzunehmen!
Doch andererseits ist es auch schön, den Reichtum der verschiedenen Stile, Riten und
Liturgien hier beieinander zu erleben. Und wenn am Nachmittag nacheinander drei
Diakone verschiedener Kirchen mit Weihrauch die heiligen Orte der Grabeskirche
abschreiten und sie inzensieren, war das für mich immer ein sehr eindrucksvoller
Moment.
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